Im Talk mit Mickey Wakefield

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Mickey Wakefield, Fusion 360 Evangelist

„The Cream Rises to the Top: Sobald in einem Makerspace eine gute Idee hochsickert, ist die Industrie da!“

Wie wichtig ist die Cloud für Generative Design? Wohin steuert die Zukunft der Produktentwicklung? Oder ist diese Zukunft schon längst da? – all diese Fragen und mehr beantwortete uns Mickey Wakefield, Fusion Evangelist bei Autodesk. Bei einem Skype-Call von Linz nach München hat er uns spannende und sehr unterhaltsame Insights in seine Welt der Produktentwicklung gegeben:

Quickfire-Questions mit Mickey Wakefield

Wie trinkst du deinen Kaffee? Mickey: Schwarz und bitter – wie meine Seele! (lacht)
Was nimmst du auf eine einsame Insel mit? Mickey: Meine steirische Harmonika!
Welcher Song muss auf jede Playlist? Mickey: „Merci, Cheríe“ gesungen von Helene Fischer an Udo Jürgens! Das ist so geil! (lacht). (Mickey hat uns gebeten, den Link dazu mit euch zu teilen: Hier!)
Hunde oder Katzen? Mickey: Ich bin ein Katzentyp. Hunde sind mir zu aufdringlich!
Apple oder Windows? Mickey: Das macht mich zwar jetzt nich populär, aber: Windows!

 

Danke Mickey, dass du dir Zeit für uns nimmst! Kannst du uns zu Beginn vielleicht einfach kurz erzählen, was deinen Beruf als Fusion Evangelist bei Autodesk ausmacht?

Mickey: Ja klar! Wie du schon gesagt hast bin ich ein sogenannter Fusion Evangelist für den EMEA-Raum, wobei sich da das Meiste auf Zentraleuropa und den DACH-Raum begrenzt. Aber ich erkläre das kurz, denn „Fusion“ und „Evangelist“ sind zwei Begriffe, mit denen vielleicht nicht jeder sofort etwas anfangen kann. „Fusion“ ist eine neuartige Cloud-Designplattform der Firma Autodesk und eine Software, die wir versuchen auf den Markt zu bringen, und das bis jetzt sehr erfolgreich. Ja, und ein „Evangelist“ ist jemand der die Masse bekehren soll- dieser Name ist wahrscheinlich etwas häufiger im Silicon Valley zu finden. Es ist tatsächlich so, dass Cloud immer normaler wird, aber im Design-Bereich noch nicht sehr gängig ist und deswegen gibt es da zum Teil sehr heftige Widerstände. Teilweise sind die zwar gut begründet, aber wir glauben dennoch, dass Cloud auch im Design-Bereich die Zukunft sein wird. Daher braucht man einen Evangelist, der ein bisschen Aufklärungsarbeit versucht und sowohl aus dem Vertrieb als auch aus der Technik kommt. Ich kann also die Software natürlich selbst bedienen, mache aber auch ständig Projekte und Präsentationen und versuche die Menschen davon überzeugen, Fusion 360 zu nutzen.

Wie schaffst du es, diese Menschen dann zu überzeugen?

Mickey: Das mache ich, indem ich Makerspaces, Fablabs und freischaffende Künstler mit dieser Software unterstütze. Es ist auch so, dass Start-Ups und Menschen, die für nicht-kommerzielle Zwecke arbeiten, Fusion kostenlos bekommen, auch nicht zeitbegrenzt. Ich unterstütze dann diese Leute mit technischen Hilfeleistungen und Training, mache mit gewissen Menschen aber auch sogenannte „Iconic Projects“ – wir versuchen also Projekte zu unterstützen, die besonders interessant sind… aus welchem Grund auch immer! Das machen wir mit technischer Hilfe, kostenloser Software, in jedem Fall auch durch Budget und Marketing, da wir mit Autodesk dadurch auch Stories mit großer Publicity schaffen können.

Wir haben da so ein Video gesehen, wo ihr mithilfe von Fusion eine Beinprothese gebaut habt – war das so ein Iconic Project? 

Mickey: Ja, genau. Das ist schon einige Jahre her. Wir haben für Denise Schindler, eine deutsche Parathletin im Radsport und auch schon eine erfolgreiche Medaillengewinnerin, eine Beinprothese für das rechte Unterbein gemacht.  Das war damals, soweit wir es wissen, die weltweit erste 3D-gedruckte Performance-Prothese. Ja… das war nicht ganz so einfach, aber wir haben‘s geschafft! (lacht) Die Frau Schindler hat es aber dann auch geschafft, damit massiv schneller zu werden und ihre eigene Bestzeit zu verbessern! Das hat mich selbst auch total überrascht! (lacht) Ich dachte, es ist einfach ein cooles Projekt, aber dass dadurch ihre Performance so viel besser wird, damit habe ich selbst nicht gerechnet!

War die Prothese dadurch auch leichter? 

Mickey: Ja, die war wesentlich leichter und auch steifer. Die Denise Schindler fährt ja nicht so Fahrrad wie du und ich, sondern die hat so richtig Power drauf! Die alte Prothese war übrigens auch schon absolut spitze und von einem Meister-Prothesenbauer, der von vielen Supersportlern in ganz Deutschland ausgesucht wird. Ohne ihn hätten wir das mit der neuen Prothese auch nie geschafft! Aber wenn sie auf ihre Beinprothese gedrückt hat, hat sie die oft ganz durchgedrückt. Das konnten wir nun gemeinsam auch super optimieren!

Gab es auch noch andere Iconic Projects, die dir vielleicht besonders gut in Erinnerung geblieben sind?

Mickey: Ja, natürlich! Ihr solltet auf jeden Fall einen Blick auf roboy.org werfen – also das ist so richtig cool! Das Projekt ist in Zusammenhang mit der TU München und dem Makerspace in München entstanden. Roboy ist einer der weltweit besten Compliant Humanoid Robots. Das bedeutet, dass Roboy dazu gemacht wurde so menschenähnlich wie nur möglich zu sein. Der sieht nicht nur aus wie ein Mensch, sondern sein ganzer Bewegungsapparat ist dem Menschlichen nachempfunden. Er hat zum Beispiel keine Servos an den Gelenken, sondern auch muskelartige Zuglinien. Die Idee dahinter ist, dass Roboy durch seine Bauweise dem Menschen näherkommt als herkömmliche Roboter. Dadurch hoffen wir wiederum, in der Zukunft tatsächlich menschliche Körperteile durch Roboy-Teile ersetzen zu können. Roboy hat aber auch den Auftrag, Artificial Intelligence zu machen. Das heißt: sein Gehirn lernt und wird hoffentlich durch seine Bauweise auch menschenähnlicher. Roboy ist weltweit einer der besten seiner Art – und alles da drin ist zu 100% Fusion.

Wow, das ist echt richtig beeindruckend!

Wie würdest du sagen, dass sich deine Arbeit ganz im Allgemeinen in den letzten Jahren in der Produktentwicklung verändert hat? Hat sie das überhaupt?

Mickey: Da gehe ich zurück auf das Thema „Agile Product Development“ – wer aus der Programmierecke kommt, dem ist Agile Software Development schon längst ein Begriff. In der Entwicklung von Hardware steckt „Agile“ aber noch in den Kinderschuhen und ist nicht unumstritten. Aber letzten Endes, durch Agile Hardware Development erkennen viele Firmen, dass kleine interdisziplinäre Mannschaften viel mehr leisten können als herkömmliche Produktentwicklungsteams vor 6 oder 7 Jahren. Früher war das so, dass man 20 CAD-Experten und 3 Simulationsexperten, eine ganze Elektrik Abteilung und so weiter hatte. Jeder hat dabei aber nur sein eigenes Süppchen gekocht und sich vor allem nur darum gekümmert, was er jetzt als Aufgabe hat.

In kleinen interdisziplinären Mannschaften macht aber jeder irgendwie alles. Es sind zwar trotzdem alles Experten, aber sie bringen aber trotzdem alle anderen Skills auch mit in einer gewissen Form. Also kann es passieren, dass sich zum Beispiel ein Simulationsexperte trotzdem um die Programmierung kümmern muss. Dadurch arbeitet aber wirklich das ganze Team zusammen. Durch diese Art und Weise sind die meisten Firmen und Startups um Faktor 10 schneller – tatsächlich! Und dadurch muss ich auch ständig meinen Horizont und mein Skillset deutlich erweitern. Fusion hat mir dadurch auch sehr geholfen, weil das Programm all diese Bereiche beinhaltet. Ich sehe ganz klar, dass Firmen sich auch in dieser Richtung aufstellen müssen. Das bedeutet sowohl dass sich die Managementstrukturen ändern, aber auch, dass die Entwicklungszyklen und Zeitabstände für Developments innerhalb eines Projektes auch sehr viel kürzer sind als sie jemals waren – wir arbeiten ganz oft in 2-wöchigen Sprints! Man muss also viel flexibler agieren und bereit sein, innerhalb ein paar Tagen ein komplett neues Gebiet zu erlernen, zumindest als Laie.

Dieser immer schneller werdende Prozess – war das eine Reaktion auf ein bestehendes Problem oder hat sich das eher organisch entwickelt? 

Mickey: Beides! (lacht) Es war eine Reaktion auf ein Problem und hat sich dadurch aber auch natürlich weiterentwickelt. Was wir in der klassischen Entwicklungsvorgehensweise immer wieder gesehen haben, ist etwas, dass man das Waterfall-Prinzip nennt: da ist alles bis ins letzte Detail geplant, es arbeiten große Teams schrittweise ein Problem durch und die Projekte werden teilweise ewig lange. Eine Dauer von 2-5 Jahren war keine Seltenheit! Ich habe sogar zahlreiche 10-jährige Projekte gesehen. Sie waren also von Anfang an geplant, aber die Planung hat nie gestimmt. Das merkte man dann nach 2-3 Monaten und deswegen hat man einfach wieder neu geplant und dafür noch mehr Zeit aufgebracht, die man eigentlich nicht hatte. Trotzdem hat man dann versucht, am Endziel festzuhalten. Tatsächlich hatte man dann aber am Ende entweder ein fehlgeschlagenes Produkt, das nicht funktioniert oder – viel häufiger – hat man dann ein funktionierendes Produkt, das aber nicht mehr relevant ist, weil sich inzwischen der Markt verändert hat oder man erst nach 5 Jahren Feedback einholt, dass man das Produkt in dieser Form eigentlich gar nicht haben will.

Deswegen haben die Firmen Auswege gesucht. Man erkennt dieses Prinzip aber in allen anderen Bereichen auch: Manche schimpfen darüber, aber heutzutage lädt man auf sein iPhone oft eine Beta-App, die dann buggy ist und der Kunde beschwert sich dann natürlich. Eine App im Beta-Stadium, die lange in diesem Status bleibt, hat keinen Erfolg. Aber durch dieses frühzeitige Feedback können App-Entwickler oftmals noch ihre Development-Ziele ändern und dieses Feedback für die Entwicklung nutzen. Product Development will ebenfalls in diese Richtung gehen, was durch Prototypenherstellung und die Zusammenarbeit mit Makerspaces auch gut funktioniert!

Welche Skills sind denn am wichtigsten um in so einem agilen Produktentwicklungsteam arbeiten zu können? Was sollte man unbedingt mitbringen?

Mickey:  Am wichtigsten ist ganz klar die Fähigkeit, ein CAD-System bedienen zu können. Man muss einfach in der Lage sein, seine Ideen zu kommunizieren und häufig passiert diese Kommunikation durch ein CAD-System. Durch Fusion360, was sich jeder kostenlos auf Windows OS oder Mac OS runterladen kann, und durch die aktive Community, welche Lernvideos und Portale selbst zur Verfügung stellt, kann man sich das auf alle Fälle in Eigenregie lernen! Das ist kein Thema. Und wenn man das kann, hat man schon die Grundlage für eine Karriere in der Produktentwicklung, wenn man das denn so will. Darüber hinaus kann ich noch eine Empfehlung aus meiner persönlichen Erfahrung geben: Wenn man in der Produktentwicklung tätig sein will, ist ein Background in der Softwareprogrammierung und einer Maschinensprache, wie Python oder Visual Basics, absolut unerlässlich. Das ist vielleicht heute noch nicht ganz so, aber in der nahen Zukunft wird das definitiv so sein. Wir werden die klassische CAD-Bedienung nicht mehr lange machen, sondern Programme schreiben, wodurch der Computer automatisch Geometrien und Fertigungswege erzeugen kann.  Diese Art der Programmierung nennt sich Generative Design und daher ist eine Programmierfähigkeit für mich Priorität Nummer 1.

Wird Generative Design bereits angewandt?

Mickey: Ja, wird es schon. Man kann auch bei Roboy schon Teile bewundern, die so programmiert wurden. Die Hüfte von Roboy besteht aus einer durch Generative Design erzeugten Geometrie, die nur durch die Programmierung der Roboy-Mitarbeiter entstanden ist. Diese ist Vogelknochen-artig und wurde auch bereits 3D gedruckt – eine sehr komplexe Geometrie, die vielen anderen Teilen ausweichen muss. Das wäre jetzt ein Beispiel von Generative Design.

Roboy habt ihr ja auch unter Anderem in einem Makerspace entwickelt, in diesem Fall in München. Wie sieht da die Zusammenarbeit aus und wie bist du dazu gekommen?

Mickey: Das lief so ab: Ich habe irgendeinmal von diesem Makerspace in München gehört, das ist schon länger her. Das war für uns als Autodesk einfach interessant und wir haben dann mit ihnen gesprochen und für den gesamten Makerspace unsere Softwares kostenlos zur Verfügung gestellt. Dann haben die Makerspace-Mitarbeiter Schulungen für unsere Softwares bekommen und ich habe eine ganze Zeit lang sogar selbst Kurse gegeben für Makerspace-Mitglieder. Im Zuge dessen habe ich dann natürlich verschiedene Mitglieder kennen gelernt und jemand hat mich dann auf dieses Projekt, Roboy, dort aufmerksam gemacht. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten sie Solidworks eingesetzt, was sehr kostspielig ist und auch nicht auf Mac OS verwendet werden konnte. Das größte Problem war aber, dass das Programm als Dekstop-Version nicht flexibel genug ist, weil das Team nur einzelne Dateien auf der jeweils eigenen Festplatte hatte. Es gab einfach ständig Probleme, die aktuelle Version irgendwie zu bekommen. Wenn dann jemand für ein Semester ins Ausland ging, war es ihm nicht mehr möglich mit dem Team zu arbeiten, weil er nicht mehr an die Daten kam. Durch die Cloud-Fähigkeit von Fusion360 konnten wir genau diese Probleme dann optimal lösen. Da gibt es dann einen zentralen Datenstore und jeder kann daran arbeiten, egal wo er gerade ist und auch auf fremden Rechnern. Fusion bietet ja auch nicht nur CAD, sondern auch Generative Design, Simulationsmöglichkeiten und 5-Achs-CNC Bearbeitung. Mittlerweile nutzen sie im Makerspace München all diese Funktionen und sind happy, dass sie gewechselt sind!

Dadurch hast du ja die Maker-Community auch selbst sehr gut kennen gelernt! Wie wichtig ist denn diese Community ganz im Allgemeinen für die Produktentwicklung und die Industrie?

Mickey: Das ist schwer zu beziffern, weil, und da muss man ganz ehrlich sein, viel Geld verdienen wir in Makerspaces und Fablabs nicht direkt. Die Mitglieder machen das ja auch in ihrer Freizeit oder gehören zu Startups, weshalb sie die Software ja auch nicht kaufen müssen. Wir hoffen natürlich, dass alle Startups erfolgreich sind und zu riesigen Firmen werden, aber leider sieht die Realität da etwas anders aus. Selbst wenn sie Erfolg haben, dann dauert es einfach bis sie große Unternehmen werden. Aber, was ich immer allen Leuten sage: Die Leute, die in Makerspaces und Fablabs unterwegs sind, sind in der Regel keine Versicherungsvertreter, sondern Leute mit technischem Hintergrund, die meistens einen technischen Beruf irgendwo in einer Firmer ausüben. Sie kommen dann in die Makerspaces, weil sie ein privates Projekt realisieren wollen oder vielleicht im Job unterfordert sind. Dadurch habe ich dann einen Zugang zu diesen Leuten und es passiert nicht selten, dass Kontakte, die ich dort gemacht habe, irgendwann einmal merken: „Hey, Hoppla! – hier ist eine Software, selbst in der kommerziellen Version ist die um das zehnfache günstiger wie das Programm, dass ich in der Arbeit benutzen muss. Sie ist flexibler, agiler und besser. Warum setzte ich das dort nicht auch ein?“. Wir bekommen laufend neue Kunden die sagen: „Unser CAD-Leiter hat uns auf Fusion aufmerksam gemacht und wir möchten es in unserem Unternehmen auch mal testen“.

Natürlich bekommen wir durch die Menschen in Makerspaces auch neue Anreize und hirnrissige Ideen, die tatsächlich dann irgendwann einmal was werden! So etwas sucht und findet die Industrie in Makerspaces und Fablabs. In Amerika sagen wir „the cream rises to the top“ und sobald eine gute Idee hochsickert, ist die Industrie auch wirklich da. Makerspaces sind sozusagen heute die kostengünstigere aber auch besser-qualifzierte R&D-Abteilung von Unternehmen. Ich bin mir auch sicher, dass die GRAND GARAGE® eine großarte Sache sein wird und wir werden euch dabei auf alle Fälle unterstützen! Es gibt kaum einen, der sich in der Design- und CAD-Landschaft besser auskennt, als euer Andi und ich die GRAND GARAGE® wird der beste Platz sein, um neue Ideen auszuprobieren. Autodesk und Fusion360 wird Andi da auch auf zur Seite stehen und alle Träumer und Künstler in ihren Ideen unterstützen!

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